Warum wir ein Jugendzentrum eröffnen

In den vergangenen Jahren hat unsere Pfarrei Kirchen schließen müssen. Für viele Menschen waren diese Orte mehr als Gebäude. Sie waren nicht nur vertraut, sondern auch biografisch aufgeladen und für viele Teil eines eigenen Glaubenswegs. Dass sie nicht bleiben konnten, hat wehgetan. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Über die Schließungen ist ein Satz häufiger gesagt worden:

„Unsere Kirche musste schließen, damit anderswo ein Jugendpastorales Zentrum gebaut werden kann.“

Dieser Satz ist verständlich. Aber er beschreibt die Wirklichkeit nicht richtig. Kirchen wurden nicht geschlossen, damit ein neues Projekt möglich wird. Es gab kein Tauschgeschäft. Niemand hat einen Ort aufgegeben, um an anderer Stelle etwas durchzusetzen. Die Entscheidungen sind gefallen, weil sich die Rahmenbedingungen insgesamt verändert haben. Und in der Zukunft werden die Veränderungen noch drastischer werden: Weniger Kirchenmitglieder, weniger Geld, weniger hauptamtliche Zeit. Das betrifft das ganze Erzbistum und die ganze Pfarrei, nicht nur einzelne Gemeinden.

Das Jugendpastorale Zentrum, das am 20. Juni eröffnet und an dem Gemeindehaus von St. Vicelin angeschlossen sein wird, ist deshalb kein Ersatz. Es ist kein Ausgleich. Es ist auch kein „Preis“, der den Abschied leichter machen soll. Es steht nicht am Ende einer Rechnung. Es steht in einem anderen Zusammenhang. Die Frage, vor der die Pfarrei stand, lautete: Wie bleibt unsere Kirche handlungsfähig, wenn nicht alles bleiben kann?

Eine Antwort darauf war, Kräfte zu bündeln. Nicht überall ein bisschen, sondern an ausgewählten Orten für alle klar und sichtbar. Das wurde auch mit Blick auf eine Gruppe entschieden, die oft wenig Stimme hat: Jugendliche und junge Erwachsene.

Sie sind heute weniger. Sie fallen weniger auf. Sie bestimmen kirchliche Diskussionen kaum mit. Gleichzeitig leben sie in einer Zeit, die ihnen viel abverlangt. Entscheidungen müssen früh fallen. Sicherheiten fehlen. Viele fühlen sich unter Druck und allein gelassen. Kirche ist für sie oft kein selbstverständlicher Ort mehr.

Gerade deshalb braucht es Räume, die verlässlich sind. Orte, an denen nicht zuerst gefragt wird: Bist du richtig hier?, sondern: Was brauchst du? Orte, an denen Zeit ist. Nicht Programm.

Das Jugendpastorale Zentrum ist als ein solcher Ort gedacht. Ein pfarreiweiter Ort, offen für junge Menschen aus der ganzen Pfarrei. Kein Stadtteilprojekt. Kein Sonderangebot. Sondern ein Raum, in dem Jugend ernst genommen wird ohne Vorbedingungen. Hier können junge Menschen kommen, ohne sich festlegen zu müssen. Sie können mitgestalten, wenn sie wollen. Sie können Fragen stellen. Oder einfach da sein.

Dass dieses Zentrum heute existiert, hängt mit den Entscheidungen der letzten Jahre zusammen. Aber nicht im Sinne von Ursache und Gegenleistung. Es ist das Ergebnis derselben Verantwortung: der Versuch, unter veränderten Bedingungen nicht nur zu verwalten, sondern zu gestalten.

„Uns war wichtig, dass dieser Weg nicht im Rückzug endet, sondern im Aufbruch“, sagt Rosa Pulz, sie ist Mitglied des Kirchenvorstands und Vorsitzende des Finanzausschusses. „Wir haben uns von Gebäuden getrennt, gewinnen aber auch Spielräume, damit Kirche auch in Zukunft handlungsfähig bleibt und neue Orte entstehen können.“

Es bleibt eine belastende Erfahrung, Abschied von Kirchen nehmen zu müssen. „So viel Gutes ist hier geschehen. Und ich glaube nicht, dass in der Zukunft alles einfacher und automatisch besser wird. “, sagt Propst Christoph Giering. „Aber wir müssen die Veränderung annehmen, und ich halte es für wichtig, aufmerksam zu bleiben für das, was wachsen kann.“

Vielleicht hilft dieser Blick, die Abschiede der vergangenen Jahre anders einzuordnen. Nicht nur als Verlust, sondern als Teil eines Wandels, der nicht alles bewahren kann, dafür aber bewusst nach vorne schaut.

Kirche besteht nicht aus Mauern allein. Sie entsteht dort, wo Menschen einen Ort finden, an dem sie aus der Perspektive und mit den Augen Jesu Christi gesehen werden. Das Jugendpastorale Zentrum ist ein solcher Ort. Kein Ersatz für Vergangenes, sondern ein Zeichen dafür, dass aus schweren Entscheidungen etwas Neues wachsen kann.

Text: CJ; Bilder: Rosemarie Pulz, Canva